Am Anfang war das Wort

Johann Wolfgang von Goethe an Charlotte von Stein

Burano, Italien

Johann Wolfgang von Goethe war auf Italienreise und hielt sich für einige Zeit in Venedig auf. Es ist der letzte Tag in Venedig. An Charlotte von Stein schrieb er folgenden Brief:

[14. Oktober 1786]

Wieder ein kleines Lebenszeichen von deinem Liebenden und ich hoffe und weiß Geliebten. Mein erstes auf einem ähnlichen Blättchen wirst du erhalten haben. Ich bin wohl, habe das schönste Wetter und geht mir alles glücklich. Mein Tagebuch ist zum erstenmal geschloßen, du erhältst ehstens die genaue Geschichte jedes Tags seitdem ich dich verließ, alles was ich gethan gedacht und empfunden habe. Behalt es aber für dich, wie es nur für dich geschrieben ist, wir wollen bey meiner Rückkunft, jedem daraus das seinige mittheilen. Bald meld ich auch wohin du mir schreiben kannst, und wie freu ich mich von dir zu hören und deine Hand wieder zu sehen. Fritzen wünsch ich hundertmal zu mir. Ich habe das schönste Wetter. Ich fürchte nur aus allerley Symptomen und Nachrichten daß es euch übel geht.
Ich habe dir zeither soviel gesagt, dir so alles aufs Papier gesetzt, daß ich dir nichts hinzuzuthun weiß. Du mußt nur noch vom Empfang dieses Briefs etwa 14 Tage Geduld haben; so hast du alles.
Anfangs gedacht ich mein Tagebuch zu schreiben, dann es an dich zu richten und das Sie zu brauchen damit es kommunikabel wäre, es ging aber nicht es ist allein für dich. Nun will ich dir einen Vorschlag thun.
Wenn du es nach und nach abschriebst, in Quart, aber gebrochne Blätter, verwandelst das Du in Sie und liesest was dich allein angeht, aber du sonst denckst weg: so ständ ich wenn ich wiederkomme gleich ein Exemplar in das hinein korrigiren und das Ganze in Ordnung bringen könnte.
Du müßtest aber doch daraus nicht vorleßen, noch kommuniciren, denn sonst hab ich nichts zu erzählen wenn ich zurückkomme. Auch sagst du nicht daß du es hast, denn es soll noch niemand wißen, wo ich sey und wie es mit mir sey.
Lebe wohl. Behalte mich lieb. Meine Hoffnung ist dich wieder zu sehn. Ich verliere keine Stunde und bleibe nicht länger aus als nötig ist. Lebe wohl. Grüße Fritzen ich kann ihm heute nicht schreiben. Ich freue mich seiner in Hoffnung.

G.

Dieser Text ist Gemeinfrei.

Quelle: Herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen: Goethes Briefe. 8. Band. Italiänische Reise. August 1786 – Juni 1788, Hermann Böhlau – Weimar 1890, S. 30 f.

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