Rainer Maria Rilke: Ich kann nicht glauben, dass der kleine Tod

Gedicht, Geometrie, Grundfarben, Kreuz, Tonerde, gelb, rot, weiß, schwarz

Ich kann nicht glauben, dass der kleine Tod,
dem wir doch täglich übern Scheitel schauen,
uns eine Sorge bleibt und eine Not.

Ich kann nicht glauben, dass er ernsthaft droht;
ich lebe noch, ich habe Zeit zu bauen:
mein Blut ist länger als die Rosen rot.

Mein Sinn ist tiefer als das witzige Spiel
mit unsrer Furcht, darin er sich gefällt.
Ich bin die Welt,
aus der er irrend fiel.


Wie er
kreisende Mönche wandern so umher;
man fürchtet sich vor ihrer Wiederkehr,
man weiß nicht: ist es jedesmal derselbe,
sinds zwei, sind‘s zehn, sind‘s tausend oder mehr?
Man kennt nur diese fremde gelbe Hand,
die sich ausstreckt so nackt und nah –
da da:
als käm sie aus dem eigenen Gewand.

Rainer Maria Rilke

Das Gedicht erschien im Band „Das Stunden-Buch“ (Das Buch vom mönchischen Leben, S. 26, 1899).

Zu diesem Gedicht passt das Aquarell von Sabeth Faber „Kreuz im Schoß der Erde“.