Wilhelm IX.: Farai un vers de dreyt nien (Mit Übersetzung)

     Farai un vers de dreit nien,
Non er de mi ni d‘autra gen,
Non er d‘amor ni de joven,
Ni de ren au,
Qu‘enans fui trobatz en dormen
Sobre chevau.

     No sai en qual guiza m fui natz,
No sui alegres ni iratz,
No sui estranh ni sui privatz,
Ni non posc au,
Qu‘enaissi fui de noitz fadatz
Sobr‘un pueg au.

     No sai quora m sui endormitz,
Ni quora m velh, s‘om no m‘o ditz.
Per pauc no m‘es lo cor partitz
D‘un dol corau;
E no m‘o pretz una soritz,
Per sant Marsau.

     Malautz sui e tremi morir;
E ren no sai mas quan n‘aug dir.
Metge querrai al meu albir,
E no sai tau:
Bos metges es qui m pot guerir,
Mas non sia mau.

     M‘ amiga ieu no sai qui s‘es,
Qu‘anc no la vi, si m‘ajut fes,
Ni m fes que m plassa ni que m pes,
Ni no m‘en cau,
Qu‘anc non ac Norman ni Frances
Dins mon ostau.

     Anc no la vi et am la fort;
Anc non aic dreit ni no m fes tort;
Quan no la vei, be m‘en deport,
No m pretz un iau,
Qu‘ieu sai gensor e bellazor,
E que mais vau.

     No sai lo luec ves on s‘esta
Ni si es en pueg o en pla.
Non aus dire lo tort que m‘a
Abans m’en cau;
E peza m be quar sai rema.
Ab aitan vau.

     Fag ai lo vers, no sai de cuy,
E trametrai lo a celui
Que lo m trametra per autrui
Lai ves Anjau,
Que m tramezes del seu estui
La contra-clau.

– Wilhelm IX. –

 

Dieser Text ist Gemeinfrei.

Quelle: Carl August Friedrich Mahn: Die Werke der Troubadours, in provenzalischer Sprache. Mit einer Grammatik und einem Woerterbuche, Band 1, Berlin 1846,  S. 3 f.

Deutsche Übersetzung: Diß Lied soll um ein Nichts sich drehn

Diß Lied soll um ein Nichts sich drehn,
Nicht um mich selbst noch irgend wen,
Um Frauendienst noch Liebeswehn
Und solchen Tand,
´s ist schlafend auf dem Pfühl1 geschehn,
Daß ich´s erfand.

Kaum werd ich aus mir selbst gescheit,
Ich fühle weder Lust noch Leid,
Noch Kälte selbst, noch Zärtlichkeit.
Ich ward gebannt,
Daß Nachts auf hohem Berg gefeitKa1
Ich plötzlich stand.

Ich weiß nicht, wach´ ich oder währt
Mein Schlaf noch, wird mirs nicht erklärt;
Beinah hat sich mein Herz verzehrt
Schmerzübermannt;
Doch bei Martial, kein Stäubchen werth
Acht` ich den Brand.

Krank bin ich, fühle Todeswehn,
Kann kaum noch, was man spricht, verstehn,
Such` einen Arzt, und weiß nicht wen,
Der mir zur Hand;
Doch soll die Kur von statten gehen,
Sei er kein Fant!

Die Freundin mein, ja wer ist sie?
Sah ich sie? Nein, nicht dort noch hie.
Nicht misfiel, noch gefiel mir, die
Mir unbekannt,
Bei dem Franzos und Normann nie
Aufnahme fand.

Sah ich sie nimmer, inniglich
Doch lieb` ich sie, so schickt es sich.
Daß ich sie nicht seh`, freuet mich,
Tanterlatant,
Dieweil schon eine beßre ich
Und schönre fand.

Fürwahr, ich weiß auch nicht einmal,
Bewohnt sie Höhe oder Thal;
Und ob sie je mein Herz mir stahl,
Bleib´ unbekannt!
Bewohne sie, – sie hat die Wahl! –
Meer oder Land!

Das ist ein Lied, weiß ich, für wen?
Doch will ich senden es an den,
Den ich es senden mir gesehn
Im Anjouland.
Sein Dietrich, sein Schloß aufzudrehn
Sei mir gesandt!

Ins deutsche übersetzt von Karl Ludwig Kannegießer. Dieser Text ist Gemeinfrei.

Quelle: Karl Ludwig Kannegießer: Gedichte der Troubadours im Versmaß der Urschrift übersetzt, Verlag der J. F. Osiander´schen Buchhandlung, Tübingen – 1855 (2)


Einzelnachweise:

1: Anmerkung der Herausgeberin: Eigentlich ist „Pfühl“ ein großes Kissen oder eine weiche Lagerstatt bzw. Bett, doch hier ist es ein „Pferd“

Ka1: Kannegießer, Karl Ludwig: „Anspielungen auf den Volksglauben an die Macht der Feen, besonders bei der Geburt, finden sich auch bei andern Dichtern, z. B. bei Marcabrun.“