Gedicht

Wilhelm IX.: Pus vezem de novelh florir (Mit Übersetzung)

Pus vezem de novelh florir
Pratz e vergiers reverdezir
Rius e fontanas esclarzir,
     Auras e vens,
Ben deu quascus lo joy jauzir
     Don es jauzens.

D‘amor non dei dire mas be,
Quar non ai ni petit ni re,
Quar ben leu plus no m‘en cove;
     Pero leumens
Dona gran joi qui be mante
     Los aizimens. ….

Per tal n‘ai meins de bon saber,
Quar vuelh so que no puesc aver
Aicel reproviers me ditz ver
     Certanamens:
A bon coratg‘e bon poder
     Qui ‘s ben suffrens. …

Obediensa deu portar
A mantas gens qui vol amar,
E coven li que sapcha far
     Faigz avinens,
E que s guart en cort de parlar
     Vilanamens.

– Wilhelm IX. –

Dieser Text ist Gemeinfrei.

Quelle: Carl August Friedrich Mahn: Die Werke der Troubadours, in provenzalischer Sprache. Mit einer Grammatik und einem Woerterbuche, Band 1, Berlin 1846,  S. 8

Deutsche Übersetzung: Seitdem wir grün aufs neue sehn

Seitdem wir grün aufs neue sehn
Die Aun und Bäum‘, und hell die Seen,
Und seit des Lenzes Lüfte wehn
     Durch Busch und Hain,
Muß auch der Mensch vergnügt erstehn,
     Und fröhlich sein.

Zwar ist vergönnt mir länger nicht
Noch kurzer Liebesglücksbericht;
So thu ich denn darauf Verzicht.
     Doch insgemein
Gibt heitrer Sinn und froh Gesicht
     Heil und Gedeihn.

Ich nahm mich so bei Tag und Nacht,
Genoß nie das, was mich entfacht,
Stets hatt‘ und werd‘ ich haben Acht,
     Und nicht zum Schein,
Viel that ich, was mein Herz erdacht;
     Nichts schlug mir ein.

Drum wär‘ ich ein bethörter Mann,
Wünscht‘ ich, was ich nicht haben kann,
Und Wahrheit sagt das Sprichwort an
     Ohn‘ allen Schein:
Wenn Muth und Kraft man hat, wird man
     Geduldig sein.

Seht wen der Liebe Treuen ihr,
Wenn ihm nicht Gunst auch ward von ihr,
In Auslands und Nachbars Revier
     Allinsgemein?
Die Liebe wird nur uns allhier
     Beflißen sein.

Wer lieben will, der zeige sich
Der Menschenwelt beflißentlich,
Und richte sich gar adelich
     In Sitten ein;
Bei Hof auch acht‘ er sehr auf sich,
     Und rede fein!

Von meinem Verse sag‘ ich, wer
Ihn wohl versteht, der schätzt ihn sehr.
Gleich gut sind alle, der wie der,
     Wie er muß sein.
Die Weis‘ [Ka 1] auch macht mir alle Ehr‘,
     Ish gut und fein.

Narbonn‘ ist nicht mein Ort, daher
     Seh du hinein,
Mein Lied, und du wirst meiner Ehr‘
     Obwalter sein.

Ins deutsche übersetzt von Karl Ludwig Kannegießer. Dieser Text ist Gemeinfrei.

Quelle: Karl Ludwig Kannegießer: Gedichte der Troubadours im Versmaß der Urschrift übersetzt, Verlag der J. F. Osiander´schen Buchhandlung, Tübingen – 1855 (2)

Hinweis: Die letzten vier Zeilen fehlen bei der Übersetzung von Karl Ludwig Kannegießer.


Anmerkung von Karl Ludwig Kannegießer:

1: Aus diesem Verse schließt man, daß der Dichter auch Tonsetzer seiner Lieder gewesen sei.

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